Poliklinik für Kieferorthopädie
 Universitätsmedizin Leipzig
Fotograf: Ingolf Riemer

Kieferorthopädische Behandlung im Säuglingsalter bis zum operativen Gaumenverschluß mit der Trinkplatte

Bei Neugeborenen mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte sind Mund und Nasenraum nicht getrennt. Dadurch kommt es zur Beeinträchtigung der Trinkfunktion, des Atmens, des Schluckens, der Lautbildung und der Gesichtsmimik. Um diese lebenswichtigen Funktionen zu verbessern, sollte bereits in den ersten Lebenstagen die kieferorthopädische Behandlung des Säuglings mittels einer Trinkplatte angestrebt werden. Weiterhin ist auch die Kieferform durch die Spalte stark verändert. Mit Hilfe der Trinkplatte kann schon in den ersten Lebenswochen das Wachstum gesteuert werden.

Ein Versäumnis der Behandlung oder Nichttragen der Platte macht es zu einem späteren Zeitpunkt schwierig und meist nur durch zusätzliche Operationen möglich, die Fehlstellung des Kiefers, der Milchzähne und der bleibenden Zähne zu korrigieren.

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Trinkplatte mit und ohne Oberkiefermodell

1. Funktion der Trinkplatte
2. Herstellung der Trinkplatte
3. Handhabung der Platte

1. Funktion der Trinkplatte

Normalisierung der Trinkfunktion
Die normalerweise vorhandene Trennung von Mund- und Nasenraum wird bei Säuglingen mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten durch die Trinkplatte erzielt. Dadurch kann beim Saugen ein gewisser Unterdruck erzielt werden und die Nahrungsaufnahme wird verbessert. Oftmals ist mit Hilfe der Trinkplatte und viel Geduld sogar ein Stillen des Kindes möglich.

Normalisierung der Zungenlage
Eine weitere wichtige Funktion der Gaumenplatte ist die Normalisierung der Zungenlage. Das Einlagern der Zunge in den Spaltbereich wird verhindert und die eigentliche Positionierung der Zunge am Gaumendach begünstigt. Die richtige Zungenlage ist vor allem bei der Sprachentwicklung und bei der Ausbildung des Schluckmusters von entscheidender Bedeutung.

Korrekte Einstellung der Oberkiefersegmente
Durch die Spaltung des Kiefers und des Gaumens kommt es zu einer Formabweichung des Kieferbogens. Die Kiefersegmente sind meist eingefallen, d.h. der Abstand der Kieferhälften zueinander ist zu gering. Gleichzeitig ist vor allem das große Segment nach oben zur Nase geschwenkt. Mit Hilfe der Trinkplatte ist es möglich, im Bereich der Spaltpole durch Hohllegen bzw. Freischleifen der Platte das Wachstum gezielt zu beeinflussen. Kraftimpulse der Zunge auf die Platte formen ebenfalls die Segmente aus und beeinflussen die Stellung dieser zueinander vorteilhaft.

Stimulation der Lippenmuskulatur
Die Ausdehnung der Trinkplatte umfasst nicht nur den Spaltbereich am Gaumen sondern reicht bis in die Umschlagfalte. Die Muskulatur wird dadurch stimuliert, und der Säugling versucht, die Platte möglichst in korrekter Lage muskulär zu fixieren. Eine Kräftigung der Lippenmuskulatur ist das gewünschte Resultat, um beim Lippenverschluss mit 4-5 Monaten ein möglichst optimales Ergebnis erzielen zu können.

2. Herstellung der Trinkplatte

Für die Herstellung der Trinkplatte ist es notwendig, bereits in den ersten Lebenstagen des Säuglings mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte Abdrücke des Ober- und Unterkiefers zu nehmen, die die genaue Situation der Kiefer wiederspiegeln. Die Modellvermessung erfolgt mittels eines 3-dimensionalen Mikroskops und ermöglicht so eine genaue Diagnostik für eine gezielte Beeinflussung des Wachstums der Kiefersegmente. Die Ausdehnung der Trinkplatte erstreckt sich über den gesamten Gaumen und über die Spaltsegmente bis in die Umschlagfalte. Gleichzeitig endet die Platte am hinteren Gaumen mit einem Gaumenfortsatz, der die Gaumenmuskulatur in diesem Bereich stimulieren soll und gleichzeitig die Trennung zur Nase beim Schlucken ermöglicht. Die Trinkplatte besteht aus zwei Arten von Kunststoff. Im Gaumenbereich wird zur ausreichenden Stabilitätsgewährung harter Kunststoff und im Bereich des Kieferkamms und den hartbleibenden Kern bedeckend, weichbleibender Kunststoff verwendet. Letztgenannter kann sich bei Körpertemperatur dem Kiefer anpassen und verhindert damit das Entstehen von Druckstellen.

3. Handhabung der Platte

Die Trinkplatte sollte idealerweise bereits unmittelbar nach der Geburt getragen werden, um oben beschriebene Funktionen zu verbessern und eine schnelle Gewöhnung des Säuglings sicherzustellen. Dabei soll ein ständiges Tragen - nicht nur beim Trinken !- gewährleistet werden. Der Säugling kann mit Hilfe der Platte einen gewissen Unterdruck beim Saugen erzielen und die spezielle Gestaltung im vorderen Gaumenbereich ermöglicht das Stillen des Kindes. Nach jeder Mahlzeit sollte die Trinkplatte mit lauwarmen Wasser gesäubert werden. Die Gaumenplattentherapie wird bis zum operativen Verschluss des Gaumens im 9.-11. Lebensmonat fortgeführt. Kontrolluntersuchungen finden aller 2 Wochen statt und aller 4 Wochen wird in der Regel eine neue Trinkplatte angefertigt.

 
Letzte Änderung: 21.04.2015, 15:12 Uhr
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